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Stendal, Sachsen-Anhalt / Altmark

Meister und Gesell am Uenglinger Tor

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Wer in Stendal vom Nordwall aufblickt, sieht einen Turm, der von weitem einem Mann gleicht: zwei schwere Beine, eine Brust voller weißer Schilde, auf dem Kopf eine Krone. Das Uenglinger Tor, 27,5 Meter Backstein, gilt nach dem Holstentor in Lübeck als eines der schönsten mittelalterlichen Stadttore im norddeutschen Raum. Und die Stendaler erzählen dazu seit Jahrhunderten eine Geschichte, die mit einem Hammer endet.

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1 Eine Stadt aus Tuch und Backstein

Markgraf Albrecht der Bär gründete um 1160 in seinem Dorf Stendale einen Markt. Damit begann der Aufstieg der wichtigsten Stadt der Altmark. Stendal lebte vom Zwischenhandel und von der Tuchmacherei, und dieses Geld wurde in Backstein sichtbar: der Dom, die Marienkirche, das Rathaus und eine durchgehende Stadtmauer mit vier Toren und drei Türmen.

Von 1358 bis 1518 gehörte Stendal nachweislich der Hanse an. 1518 trat die Stadt gemeinsam mit Berlin, Brandenburg, Frankfurt an der Oder und Salzwedel wieder aus. Von den vier Toren stehen noch zwei. Das Tangermünder Tor am südöstlichen Rand wurde im 13. Jahrhundert begonnen und gilt als das älteste Torgebäude einer Stadtbefestigung in Norddeutschland; um 1440 erhielt es seinen Oberbau, und mit 21 Metern ist es das niedrigere der beiden.

Das Uenglinger Tor ist oben jünger und unten älter. Der Unterteil entstand zwischen 1288 und 1306 aus behauenen Feldsteinen und gebrannten Ziegeln, als die Vorstadt der Petriparochie in die Umwallung einbezogen wurde. Erst zwischen 1450 und 1460 bekam der Turm seinen runden Aufsatz, die reiche Blendengliederung und die vier erkerartig ausgekragten Ecktürmchen. Als Baumeister wird Steffen Boxthude vermutet. Das Tor öffnete den Weg zum westlich gelegenen Dorf Uenglingen; daher sein Name.

2 Meister und Gesell

Die Sage, die den Stendaler Schulkindern seit Jahrhunderten erzählt wird, verknüpft die beiden Tore miteinander. Der alte Baumeister hatte das Tangermünder Tor geschaffen, ein Werk, das weithin bestaunt wurde. Bei diesem Bau unterrichtete er auch einen Schüler, einen Jungen, der fleißig arbeitete und alles behielt, was man ihm zeigte.

Als der Rat beschloss, im Nordwesten ein neues Tor zu errichten, schlug der Meister selbst seinen Schüler als Baumeister vor. Es war eine Geste des Vertrauens, und der Rat nahm sie an. Der Gesell begann zu mauern. Er setzte Türmchen auf die Ecken, ließ weiße Putzspiegel in das rote Ziegelwerk einfügen und krönte das Ganze mit einem runden Aufsatz, dem nichts in der Altmark gleichkam.

Als das Gerüst fiel, sah der alte Meister, was er angerichtet hatte. Sein Schüler hatte ein prächtigeres Tor gebaut, als er selbst je geschaffen hatte. Das konnte er nicht ertragen. Nach der Vollendung erschlug er den Gesellen mit einem Hammer. In einer anderen Fassung stürzte er ihn vom Turmrand, und am Jahrestag soll noch immer ein Blutfleck auf den Steinen erscheinen. Manche wollen in dunklen Nächten den Mörder als Gerippe oben auf dem Tor gesehen haben, den Hammer in der Hand, vergeblich bemüht, das Werk seines Schülers zu zerstören.

3 Das Kreuz vor dem Tor

An der Sage hing ein Stein. Noch im Jahre 1840 stand vor dem Uenglinger Tor ein steinernes Kreuz, genau dem Gertraudenhospital gegenüber, an jener Barriere, die um den Torzwinger herumlief. Der Überlieferung nach musste der Meister es selbst an der Stelle setzen, an der der Leichnam aufgeschlagen war — ein Sühnekreuz, wie mehrere in der Altmark gestanden haben. Dieser Stein gab der Sage ihren Halt. Nach 1895 wurde er bei der Erweiterung der Torpassage zerstört.

Der Stendaler Prediger Ernst Weihe schuf 1840 ein gruseliges Gedicht darüber, «Meister und Gesell»: vorm Tore liege ein Kreuz von Stein, und bei Mondlichts Silberschein sei es dort nicht geheuer. 1994 erzählte Hanns H. F. Schmidt die alte Torsage für eine neue Generation nach.

Stendal hat mehr zu erzählen. Vor dem Rathaus steht seit 1525 der Roland, mit Sockel 7,80 Meter hoch, nur sechs Zentimeter kleiner als der Bremer, aber mit dem längsten Schwert aller Rolande; hinten an seiner Stützsäule erkennen die Stendaler Till Eulenspiegel. Und in einem Schuhmacherhaus dieser Stadt wurde am 9. Dezember 1717 Johann Joachim Winckelmann geboren, der die Archäologie zur Wissenschaft machen sollte. Wer heute im Sommer die Treppe des Uenglinger Tores hinaufsteigt und zwischen den Zinnen über die Dächer blickt, steht auf dem Werk des Gesellen. Der Meister liegt unter keinem Stein mehr.

Quelle: Stendaler Torsage; Steinkreuzüberlieferung bei Ernst Weihe (1840) und Walter Saal, «Steinkreuzsagen aus Sachsen-Anhalt» (1992); Nacherzählung von Hanns H. F. Schmidt (1994).
Wusstest du? Das Uenglinger Tor ist 27,5 Meter hoch; die spitzbogige Durchfahrt darunter misst fünf Meter. Von weitem mutet der Turm wie ein auf zwei starken Beinen stehender Mann an, der eine Krone trägt: die weißen Putzspiegel bilden die Augen, eine Knopfleiste und die Kniescheiben. Der Turm stand Pate für die Lohnhalle der Zeche Adolf von Hansemann in Dortmund-Mengede und für den Wasserturm Lüneburg. Im Sommer ist er begehbar.
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