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Aldeboarn, Friesland / It Lege Midden

Die Turmmesser von Aldeboarn

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Mitten in It Lege Midden, dem niedrigen Moorland, wo sich die Boarn träge zwischen den Wiesen hindurchwindet, liegt Aldeboarn, eines der ältesten Dörfer Frieslands. Wer sich dem Dorf nähert, sieht zuerst den Kirchturm, und wer genau hinsieht, erkennt, dass dieser Turm anderthalb Meter aus dem Lot steht, als schäme er sich noch immer ein wenig. Das darf er auch. An diesem Turm hängt nämlich die bekannteste Spottgeschichte des friesischen Flachlands: die Geschichte der Tuorkemjitters, der Turmmesser. Es ist die Geschichte eines Dorfes, das um jeden Preis den höchsten Turm Frieslands besitzen wollte, einer langen Leine mit einem Knoten darin und eines Wirtshauses in Tzum, in dem ein Messer bereitlag.

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1 Ein Turm für das stolze Boarn

Aldeboarn war einst einer der wichtigsten Orte Frieslands. Das Dorf am Fluss Boarn war ein alter Handelsplatz, und kirchlich stand es an der Spitze einer ganzen Gegend: Die Sankt-Pancratiuskirche war die Mutterkirche des Dekanats Bornego, mit achtunddreißig Tochterkapellen im weiten Umkreis. Der friesische Edelmann Jancko Douwama schrieb im sechzehnten Jahrhundert, in Oldeboorn, wie das Dorf damals hieß, stehe eine Kathedralkirche. Kirche und Turm waren aus teurem Tuffstein errichtet, was darauf hindeutet, dass sie spätestens um 1200 gebaut worden sein müssen.

1723 schlug der Blitz in den Turm. Weil er als Westwerk in die Kirche eingebaut war, ließ er sich nicht einzeln instand setzen: Alles musste abgebrochen werden, und in den Jahren 1736 und 1737 entstand ein neuer Turm. Bei diesem Neubau, so erzählt die Überlieferung, witterten die Boarnster ihre Chance. Wenn schon ein neuer Turm, dann gleich der höchste Dorfturm von ganz Friesland.

Dafür mussten sie an Tzum vorbei, einem Warftdorf bei Franeker, am anderen Ende der Provinz. Der spätgotische Turm dort, mit seiner einundvierzig Meter langen Spitze, misst insgesamt zweiundsiebzig Meter und war unbestritten der höchste Dorfturm des Landes. Höher bauen als Tzum, und sei es nur um eine Elle, das war der Plan. Doch dazu musste man erst wissen, wie hoch dieser Turm genau war.

2 Die Leine und das Messer

Zwei Männer aus Aldeboarn reisten mit einer langen Leine, einer Line, wie die Friesen sagen, in das Kleidorf. Sie stiegen bis in die Spitze des Turms, banden einen Stein an das Ende des Seils und ließen es hinab, bis es den Boden berührte. Oben wurde ein Knoten gelegt. So trugen sie, sauber aufgerollt, die Höhe des höchsten Turms von Friesland unter dem Arm.

Danach wartete das Wirtshaus, denn vom Türmeklettern bekommt der Mensch Durst. Und dort, zwischen Feldfrüchten, Vieh und einem Glas zu viel, ging es schief. Die Geschichte wird in Friesland auf zwei Arten erzählt. In der ältesten Fassung hatten die Boarnster den Tzumern ehrlich gesagt, was sie vorhatten, und es waren die Dörfler selbst, die ihren Gästen, während diese eifrig schwatzten, unbemerkt ein ordentliches Stück von der Leine abschnitten. In der Fassung, die man in Aldeboarn selbst erzählt, hatten die Männer heimlich gemessen, doch die Haushälterin des Pfarrers von Tzum bekam Wind davon. Sie unterrichtete ihren Herrn, und der gab Anweisung, ein Stück vom Seil abzuschneiden, während die Messer bei ihrem Absacker saßen.

Wie dem auch sei: Die beiden Männer merkten nichts. Sie rollten ihre gekürzte Leine auf, bedankten sich für die Gastfreundschaft und reisten zufrieden zurück an die Boarn, wo das ganze Dorf schon zum Bauen bereitstand. Der Turm sollte leichter und zierlicher werden als der von Tzum, und vor allem: eine Elle höher, als die Leine lang war.

3 Fast sechsundzwanzig Meter zu kurz

Als der neue Turm von Aldeboarn 1737 vollendet war, riefen die Boarnster stolz, sie hätten nun den höchsten von Friesland. Die Tzumer wussten es besser. Der Turm von Aldeboarn misst genau sechsundvierzig Meter und fünf Zentimeter, der von Tzum zweiundsiebzig. Es war also nicht eine Elle von der Leine verschwunden, sondern fast sechsundzwanzig Meter. Das Museum von Aldeboarn merkt dazu trocken an, an jenem Abend müsse sehr tief ins Glas geschaut worden sein: Wer gut fünfundzwanzig Meter Seil verliert und es nicht merkt, hat mehr getrunken als gemessen.

Ganz Friesland weidete sich an der Geschichte. Die Einwohner von Aldeboarn heißen seither Tuorkemjitters, Turmmesser, und die Tzumer bekamen den Beinamen Lyntsjesnijers, Seilschneider. Beide Dörfer tragen ihren Spottnamen bis heute, und Aldeboarn hat den seinen umarmt: Im Dorf steht eine kleine Figur des Turmmessers, und das Museum nannte sein Mitteilungsblatt nach ihm.

Der Turm selbst hatte inzwischen seine eigenen Sorgen. Er steht anderthalb Meter aus dem Lot und sank bis 1991 jedes Jahr einen Millimeter tiefer, bis er stabilisiert und auf Stützen gesetzt wurde. Im Turm hängt wieder die große Glocke, die Gherardus de Wou 1526 goss; von den Besatzern geraubt, kehrte sie 1946 zurück. Und an jedem letzten Freitag im August gleiten die Gondeln der berühmten Gondelfahrt über die Boarn, schon seit 1945, im Venedig des Nordens. Der Turm von Tzum steht noch immer stolz auf seinen zweiundsiebzig Metern. Aber die bessere Geschichte, die wohnt an der Boarn.

Quelle: Spottgeschichte verzeichnet im Volksverhalen Almanak (beleven.org, De touwsnijders van Tzum) und auf Tafel 10 des historischen Rundgangs von Museum De Waach Aldeboarn. Historische Angaben: nl.wikipedia (Oldeboorn) und ZuidoostFriesland.nl.
Wusstest du? Der Turm von Aldeboarn steht anderthalb Meter aus dem Lot und sank bis 1991 jedes Jahr einen Millimeter, bis er stabilisiert und auf Stützen gesetzt wurde. Die große Glocke, 1526 von Gherardus de Wou gegossen, wurde im Krieg geraubt und kehrte 1946 zurück. Das Museum von Aldeboarn taufte sein Mitteilungsblatt De Tuorkemjitter, und im Dorf hält eine kleine Figur des Turmmessers den Spottnamen lebendig.
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