Das Gespenst des Großvaters
In den fernen Tagen der Vorzeit wohnte in Oostende ein wohlhabender Edelherr von großer Verdorbenheit. Sein Reichtum führte ihn nicht zur Tugend, sondern zum Hochmut und zur Äußerlichkeit. Nur seine Tochter, von Klugheit und Frömmigkeit erfüllt, flöte ihn um Besserung an.
1 Die Warnung der Tochter
Der Herr achtete der Ermahnung seiner Tochter nicht. Sein Herz war hart wie Stein, und seine Seele erfüllt von Sorglosigkeit und Sünde. Tag um Tag führte er ein Leben ohne Furcht oder Schande, trotz unaufhörlicher Flöhen seiner frommen Tochter.
An einem Oktober-Abend, als das erste Eis auf den Feldern von West-Flandern zu kristallisieren begann, wanderte der Herr allein über den großen Friedhof von Oostende. Die Dunkelheit hüllte sich um ihn, und nur Mondlicht gab einige Schritte Sicht.
Plötzlich blieb er stehen. Unter seinem Stiefel glitt etwas weg—ein Knochen, grau und gekrümmt von den Jahrhunderten. Nicht ein Schädel lag zu seinen Füßen, sondern mehrere, regungslos und mit hohlen Augen.
2 Die gotteslästerliche Herausforderung
Verärgert über diese grauenhafte Entdeckung richtete sich der Herr auf. „Bettelmönche von einst!“ rief er mit brüllender Stimme. „Seid ihr noch lebendig unter euch vergraben? Kommt hervor, alte Gerippe! Ihr seid zu einem Festmahl in meiner Halle eingeladen—und dort wird Trank und Fleisch nicht mangeln!“
Wer dies hörte—denn einige versäumte Nächtler gingen vorbei—fühlte sein Blut gefrieren. Niemand lockt die Toten hervor, niemand fordert die Großväter heraus. Aber der Herr lachte sein schreckliches Lachen und setzte seinen Weg fort.
Die Nacht brachte keine Befreiung. Das Festmahl war bereits gegeben, und die Gäste würden kommen.
3 Die Ankunft des Gastes
An jenem Abend deckte der Herr seinen Tisch mit bunten Seide und goldenen Löffeln. Lampionen brannten an den Wänden, und die größte Schüssel wurde mit reichsten Speisen gefüllt. Er lud seine Freunde ein—Männer gleicher Gesinnung—und das Festmahl begann.
Mitten in der Freude spannte sich ein eiskalter Schauder durch die Halle. Die Türen schwangen auf ohne Hände, und eine Gestalt betrat den Saal. Es war ein Gerippe, bleich und ekelhaft, gekleidet in die verfaulte Leinenbündel aus äonenlangem Grab. Über die weißgerählten Knochen hing ein Mantel aus Nebel.
„Ihr habt mich eingeladen,” sprach das Gespenst mit einer Stimme wie das Knarren der Totenglocke. „Ich bin euer Vorfahre, jener den ihr die Ehre versagt habt. Ich komme, denn ihr habt mich gerufen!”
4 Die Strafe der Verdammnis
In Todesangst sprangen die Gäste von ihren Stühlen auf. Aber ihre Beine waren vor Schrecken gefroren—keiner konnte entfliehen. Das Gerippe schritt auf den Herrn zu. Ohne Wort oder Warnung ergriff es ihn und schmetterte ihn gegen die steinernen Wände.
Mit entsetzlichem Laut brach die Wand auf, und eine gapende schwarze Öffnung erschien—kein Fenster, keine Tür, sondern das Tor der Hölle selbst. Schreiend wurde der Herr von seinem Vorfahren in jenen Abgrund gezogen, sein Leib verschwunden in der Nacht.
Dann verbleichte das Gerippe, und Freiheit kehrte in die Glieder der Gäste zurück. Aber niemand würde je das Festmahl jener Nacht vergessen. Der Herr wurde nie mehr gesehen, und nur seine Tochter trauerte mit Frommheit in ihrem Herzen.
So lehrt uns die Legende: Wer sich zur Sünde entschließt und keine Warnung annimmt, trifft seine Strafe in Finsternis.
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