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Fryslân, Fryslân

Der Prinz, der die Sprache der Tiere verstand

Tier 0+ - Publiek 3 min Märchen
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Ein altes friesisches Märchen, in Hunderten von Ländern erzählt, berichtet von einem Prinzen, der die Sprache der Tiere zu verstehen lernt. Sie bringt ihm Glück, aber auch Mühsal — denn er darf niemandem erzählen, was er versteht, bei Strafe seines eigenen Lebens.

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1 Das Geschenk des Zauberers

Im alten Fryslân lebte ein Prinz, Hessel, jüngster Sohn König Eisebius’ von Stavoren. An seinem sechzehnten Geburtstag wanderte er durch die Wälder von Beetsterzwaag, als er einem alten Mann begegnete, klein, runzlig, in grünem Mantel. Der Mann bat ihn um sein Butterbrot. Hessel gab es. Da sprach der Alte: «Für deine Güte schenke ich dir ein Geschenk, das du nie aussprechen darfst: von heute an verstehst du die Sprache aller Tiere. Doch schweige davon. Wer je hört, dass du es kannst, tötet dich auf der Stelle.»

Hessel ging mit jenem seltsamen Geschenk heim. Am nächsten Morgen hörte er zwei Spatzen am Fensterbrett reden. «Der König ist krank,» sagte der eine. «Er stirbt im Lauf des Jahres,» sagte der andere. Hessel schwieg. Doch er passte auf den Vater auf. Eine Woche später wurde der alte König wirklich krank — doch Hessel hatte alle Heilmittel schon bereit, und der Vater genas.

2 Das Pferd und der Hund

Als Hessel erwachsen wurde, bekam er ein prächtiges schwarzes Pferd namens Tjerk und einen Hirtenhund Wytske. Eines Tages, als er auf einem Feld in Idaerd ging, hörte er Tjerk und Wytske miteinander reden. Tjerk sagte zu Wytske: «Heut Nacht, um zwölf Uhr, kommt ein Knecht den Prinzen zu ermorden, im Auftrag seines älteren Bruders. Er schleicht in den Stall und versteckt sich zwischen den Strohballen.» Wytske sagte: «Wir warnen unseren Herrn. Doch er darf nicht sagen, woher er es weiß.»

Hessel stellte in jener Nacht seine Wächter in den Stall. Der Mörder wurde gefasst. Unter Folter gestand er, dass der ältere Bruder ihn gesandt hatte. Der Bruder wurde verbannt. Der König fragte Hessel: «Woher wusstest du es?» Hessel schwieg. «Ein Traum, Vater.» Es war das erste Mal, dass er über sein Geschenk log.

3 Die drei Raben

Viele Jahre später war Hessel selbst König. Mit fünfzig ritt er durch den Wald von Beetsterzwaag, als drei Raben auf einem Ast vor ihm saßen. Der eine sagte: «Der König reitet seinem Tod entgegen. Hinter der dritten Biegung liegt eine Grabesgrube.» Der andere: «Er weiß das. Er versteht unsere Sprache.» Der dritte: «Wer ihm dieses Todesurteil ausgesprochen hört, stirbt mit ihm.»

Hessel verstand. Er wendete sein Pferd. Er ritt zurück zum Palast. Er rief seine Räte zusammen und sagte nichts. Doch er erzählte seinem Sohn auf dem Sterbebett nicht von der Grube, nicht von den Spatzen, sondern diesen einen Satz: «Höre auf die Tiere, mein Sohn. Sie wissen, was die Menschen verschweigen. Doch schweige davon, denn Wissen, das du nicht aussprechen kannst, ist immer auch Gefahr.» Hessel starb mit fünfzig, nicht in der Grube, und das Geheimnis der Tiersprache ging mit ihm.

Quelle: Friesische mündliche Tradition; ATU 670 «Der Mann, der die Sprache der Tiere verstand»; J.P. Wiersma (1934); vgl. Grimm KHM 17.
Wusstest du? Das ATU-670 Motiv gehört zu den ältesten Märchenerzählungen der Welt; Varianten finden sich schon im hinduistischen Pancatantra (3. Jh. v. Chr.), in «Tausendundeiner Nacht» und bei den Grimms (KHM 17 Die weiße Schlange). In der friesischen Geschichte sind es die Tiere des friesischen Landes, die sprechen: Zugpferd, Hirtenhund, Kuh und Krähe.
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