Das Fräulein von Batinghe
Auf dem Brink von Dwingeloo, unter den Eichen, steht die Sankt-Nikolaus-Kirche mit einer Turmspitze, die nirgendwo sonst in Drenthe zu finden ist: eine Zwiebel aus Holz und Schiefer, von den Dwingeloern kurz die Siepel genannt. Wer fragt, warum gerade dieses Brinkdorf im Südwesten Drenthes eine so fremdartige Krönung trägt, bekommt keine baukundliche Antwort, sondern eine Geschichte. Sie handelt von einem Edelfräulein der Havezate Batinge, von einem Baumeister, der seine Berechnungen vergaß, und von einem Traumbild im Mondlicht. Die Sage steht auf der Informationstafel bei der Kirche und ist in der Volksverhalenbank verzeichnet, und auch wenn keine Jahreszahl daran stimmt, erklärt sie den Turm schöner als jedes Archivstück.
1 Das Fräulein und der Baumeister
Als die Sankt-Nikolaus-Kirche gebaut wurde, so erzählt die Sage, ritt jeden Tag das Fräulein von Batinghe vorbei. Sie hatte ein Auge auf den Baumeister geworfen, und sie lächelte ihm zu. Dieses Lächeln tat mehr als tausend Worte: Der Mann konnte seine Gedanken nicht mehr bei der Arbeit halten, und die Berechnungen und Zeichnungen des neuen Turms wurden und wurden nicht fertig.
Das blieb nicht unbemerkt. Der Drost von Drenthe sprach den Herrn der Havezate Batinghe darauf an, und der Herr sprach mit seiner Tochter. Sie machte keine Umschweife: Sie wollte keinen anderen als den Baumeister. Ihr Vater verstand es und schickte sie auf Reisen, weit fort von Dwingeloo. Doch bevor sie ging, ritt sie noch einmal ihre Runde. Als der Mond zwischen den Bäumen zu hängen schien, sah sie plötzlich die neue Turmspitze vor sich, rund und fremd und wunderschön. Sie stieg ab, suchte den Baumeister auf und erzählte ihm, was sie gesehen hatte und wie schön es aussah. Dann ging sie fort.
Noch am selben Abend hatte der Baumeister seinen Entwurf fertig. Der Drost genehmigte ihn, auch wenn er nicht im Entferntesten dem glich, was in Drenthe üblich war. Ein Jahr später hatte die Sankt-Nikolaus-Kirche ihre Krönung. Als das Fräulein zur Weihe zurückkehrte, segnete der Drost die beiden jungen Menschen, ohne die ein so schönes Bauwerk nie entstanden wäre; der Überlieferung nach haben sie danach doch noch geheiratet.
2 Die Siepel: Sage neben Stein
So weit die Sage. Die Steine erzählen eine nüchternere Geschichte, die ihr merkwürdig nahe kommt. Die Sankt-Nikolaus-Kirche stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert, und ihr Turm gilt als möglicherweise ältester gotischer Turm Drenthes. Vielleicht ist er das Werk von Johan die Werckmeyster aus Ruinen, dem auch die Türme von Beilen, Rolde und Ruinen zugeschrieben werden, ohne dass darüber Gewissheit besteht.
Die berühmte Zwiebel ist allerdings jünger als der Turm selbst. Die ursprüngliche Spitze stürzte ein, und 1631 erhielt der Turm seine heutige Krönung, auf Initiative von Rutger van den Boetzelaer, Drost von Drenthe und Bewohner der Havezate Batinge. So enthält die Sage einen Kern, der stimmt: Es waren wirklich ein Bewohner von Batinge und ein Drost, die Dwingeloo seine abweichende Spitze verschafften. Nur war es kein verliebtes Edelfräulein, sondern ein Landjunker mit Geschmack am Besonderen. Siepel ist Drentsch für Zwiebel, und dieser Name hat die Spitze nie mehr losgelassen.
Die Kirche selbst hat mehr überstanden als eine eingestürzte Spitze. Beim großen Dorfbrand von 1923 ging fast das gesamte Mobiliar in Flammen auf; die Porträts von Rutger van den Boetzelaer und seiner dritten Frau Batina van Lohn wurden gerettet und hängen noch immer in der Kirche. Bei der folgenden Restaurierung unter Leitung des Architekten Jans Boelens erhielt das Schiff ein hölzernes Tonnengewölbe mit Blumenmotiven im Art-déco-Stil, eine zweite Überraschung in einer Drenther Dorfkirche.
3 Batinge, das Haus hinter der Sage
Und die Havezate des Fräuleins? Batinge war eine der fünf Havezaten, die Dwingeloo besaß, nach Dorfprediger Cornelis van Schaick die imposanteste von allen. Schon im vierzehnten Jahrhundert wird das Haus als adliges Gut genannt. Am Ende jenes Jahrhunderts wohnten dort Johan de Vos van Steenwijk und Hadewich van Ansen; ihr Sohn Coenraad, Anführer der Drenther Vetkoper, nahm 1415 mit seinem Bruder an der Spitze Drenther Truppen die Stadt Groningen ein und wurde dort Bürgermeister.
Im sechzehnten Jahrhundert kam Batinge in die Hände des Statthalters Georg Schenck van Toutenburg, der es erweiterte und befestigte. Danach folgten Erbstreitigkeiten und Prozesse; die Familie Van den Clooster nahm das Haus sogar mit Waffengewalt in Besitz, bis Statthalter Wilhelm von Nassau sie vertrieb und Batinge an die Familie Van den Boetzelaer fiel. Rutger, der Drost der Siepel, baute es zu einem Sitz um, der nach seinem Urteil seinem Stand entsprach. Unter Drost Elbert Anthony van Pallant zählte das Haus ab 1686 drei Stockwerke mit sechsunddreißig Zimmern; er nahm geflüchtete Hugenotten auf und ließ im Dorf die sogenannten Französischen Häuser bauen.
Das Ende war weniger großartig. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts stand Batinge oft leer, und 1830 wurde es versteigert. Käufer war Aalt Willem van Holthe tot Oldengaerde, Bürgermeister von Dwingeloo, und ihm ging es um die Ländereien: 1832 ließ er das Haus abbrechen. Von Batinge blieb kein Stein. Aber auf dem Brink bei der Kirche steht das Standbild, das Charles Henri de Vries von dem Fräulein schuf, und so reitet sie ihre Runde an der Siepel entlang weiter, der Spitze, die es ohne sie, so will es Dwingeloo, nie gegeben hätte.
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