Die französische Waldkatze
Bis tief ins 20. Jahrhundert zogen jedes Jahr Hunderte Männer aus dem Vorarlberger Montafon nach Frankreich, um dort als Saisonarbeiter ihr Brot zu verdienen. Ein St. Gallenkircher erlebte fern der Heimat bei seiner französischen Hauswirtin ein merkwürdiges Vorkommnis — und daheim erwies es sich als wahr. Hexerei und Heimweh in derselben Nacht.
1 Die Frage der Hauswirtin
Alle Jahre gingen aus dem Montafon viele Mannsbilder ins Ausland auf Arbeit. Da erlebte in Frankreich ein St. Gallenkirchner einmal ein sonderbares Geschichtlein. Als er an einem Abend dort in der Wohnstube saß, fragte ihn seine Hausfrau, ob er nicht Heimweh habe und wissen möchte, was sein Weib mache. Sie könne ihm alles genau sagen, wenn er wolle.
Das wollte er freilich gerne wissen, und so ging sie hinaus, kam aber nach einer kurzen Weile schon wieder herein und erzählte ihm, dass seine Angehörigen am Nachtessen seien, wie sie alle nacheinander am Tische säßen, was sie äßen, und dass die Mutter gerade dem kleinen Kinde Mus gegeben habe und auch ihr, der Erzählerin, einen Löffel voll. Da konnte sich der Mann nicht genug verwundern.
2 Die Waldkatze am Fenster
Als er im Herbst heimkam, fragte er sein Weib, wer denn einmal zum Abendessen gekommen sei und wem sie einen Löffel Mus angeboten habe. Da erwiderte sie, es sei niemand bei ihnen gewesen. Nur einmal habe eine große schwarze Katze mit furchtbaren Glasaugen zum Fenster hereingeschaut. Sie habe gemeint, es sei eine verhungerte Waldkatze und habe ihr einen Löffel vom Kindsbrei gegeben, worauf das Tier wieder weiter sei.
Der Mann verstand sofort, wer diese Katze gewesen war: seine französische Hauswirtin hatte die Gestalt einer Waldkatze angenommen, war in einem nächtlichen Flug über die Alpen bis nach Sankt Gallenkirch geflogen, hatte am Fenster seines Hauses geschaut, um alles zu sehen, und war zurückgekehrt. Seitdem hielt sich der Mann fern von französischen Frauen auf seinen Arbeitsreisen, denn sie waren nicht alle Menschen.
Vie FelineKattengedrag en vachtverzorging
Heimweer.be — Europees Erfgoed Bewaard


